1901 bis 1947
In der Periode 1901 bis 1947 (75-Jahr-Jubiläum)
entwickelte sich der ARL von etwa 20 auf 109 Mitglieder, mit einem
Höchststand von 143 im Jahre 1939. Allerdings erlebte er 1918
eine ernste Existenzkrise: Wegen „Fehlens wichtiger Angelegenheiten“
und „Interesselosigkeit der Mitglieder“ demissionierten
Präsident und Sekretär; der Antrag, den Leist aufzulösen,
wurde mit 3:3 Stimmen blockiert. Unter dem neuen Präsidenten,
dem Turnlehrer Alfred Widmer (er war 18 Jahre lang im Amt!), erfuhr
der ARL dann aber eine ungeahnte Renaissance.
Die Sitzungs- und Versammlungsprotokolle ab 1901
gewähren einen lückenlosen Einblick in die laufenden Leistgeschäfte
und die Sorgen und Freuden der Quartierbewohnerinnen und -bewohner.
Es waren immer dieselben Bereiche, die zu reden gaben: Unerwünschte
Bauvorhaben bzw. Gewerbe (ein Bordell an der Altenbergstrasse, ein
Versammlungshaus des Evangelischen Brüdervereins oder eine
mechanische Werkstätte am Oberweg, ein mehrstöckiges Gebäude
an der Rabbentalstrasse, eine Verbindungsstrasse Rabbental –
Oranienburgstrasse), Dreck und Lärm (Gestank von den Aarekloaken,
herumliegender Abfall, Teppichklopferei, Hundegebell), jugendliche
Vandalen, Verkehrsprobleme (Mehrverkehr wegen der neuen Lorrainebrücke
ab 1927, rasende Velofahrer, gefährdete Kinder wegen der Verkehrszunahme,
Autoübungsfahrten im Rabbental, Regenwasser und Schmutz auf
den noch ungeteerten Strassen, schlechte Strassenbeleuchtungen).
Bemerkenswert ist das Gesuch des ARL an die Stadt aus dem Jahr 1936,
für das Quartier einen Bebauungsplan mit Sonderbauvorschriften
aufzustellen.
Aerger gab es regelmässig wegen der Kornhausbrücke,
die für unser Quartier eine Art Troyanisches Pferd war, das
störenden Verkehr und Tram- und Bähnlilärm brachte,
von welchem Regenwasser herunterfloss oder Lausbuben Passanten mit
Schneebällen bewarfen. Viele wünschten sich diese Brücke
über den Köpfen ins Pfefferland und stattdessen eine Schwebebahn
von der Altenbergstrasse zum Kornhaus- oder Waisenhausplatz. Hitzige
Debatten entbrannten immer häufiger auch um die Aare, besonders
bei Niederwasser (stinkende Aarekloaken, freiliegender Unrat) oder
nach Ueberschwemmungen (Forderung, den immer höher liegenden
Aarekies auszubaggern). 1943 schloss sich der ARL einer breit abgestützten
Gruppierung von Vereinigungen an, welche mit Nachdruck Massnahmen
gegen die zunehmende Verschmutzung der Aare forderten; die zahlreichen
Diskussionen und Verhandlungen gipfelten in der Forderung der Inangriffnahme
einer grossen Kläranlage im Thormann-Mätteli „in
wenigstens einem Jahr“. Dieses leidige Thema sollte unsern
Leist noch lange beschäftigen! (Die Kläranlage Neubrück
wurde 1967 in Betrieb genommen.)
Die beiden Weltkriege hinterliessen in den Leistdokumenten
nur wenige Spuren. 1915 sammelte der Leist in Quartier sagenhafte
2900 Franken für „Notleidende“. An der „Leistsitzung“
dieses Jahres berichtete ein Major über die aktuellen Kriegsereignisse.
1918 kamen bei einer Sammlung „für die Truppen“
erneut stolze 2170 Franken zusammen. 1940 wurde die Idee einer Quartier-Hilfsfeuerwehr
lanciert (weil viele Männer im Militärdienst waren, waren
nun auf einmal Frauen begehrte Ansprechpartnerinnen!), mangels Interesses
aber bald wieder verworfen. 1941 hatte sich der Vorstand mit Klagen
über Nachtruhestörungen durch das Militär und das
unbefugte Befahren des Altenbergstegs durch velofahrende Offiziere
zu befassen. Kurz vor Kriegsende wurde die Teilnahme an einer Sammlung
für Kriegsgeschädigte diskutiert – vorgeschlagen
wurde der magere Betrag von 100 Franken...
Wie schon erwähnt stellte der Leist in
jener Zeit noch kaum eine Plattform dar für gesellige Anlässe.
1922 verzichtete man sogar bewusst auf eine feierliche Begehung
des 50-Jahr-Jubiläums! Immerhin fand dann 1937 zum 65-jährigen
Bestehen ein Postautoreisli ins Gurnigelgebiet mit Mittagessen im
„Kurhaus Sternen“ in Guggisberg statt. Die sozialen
Leistaktivitäten beschränkten sich ansonsten auf die jährliche
Zusammenkunft von ein bis zwei Handvoll Mitgliedern im Säli
des „Café Altenbergbad“, in den ersten Jahrzehnten
öfters an einem Samstag Abend oder gar am Sonntag nach der
Predigt. Das 75-jährige Jubiläum wurde dann allerdings
mit einem erheblichen Aufwand gefeiert. Im Auftrag des ARL verfasste
Dr. Hugo Haas die Schrift „Altenberg und Rabbental in Bern“,
und rund 50 Leistmitglieder und Gäste fuhren in zwei Postautomobilen
nach Faoug am Murtensee und verköstigte sich im „Du Cerf“
mit einem üppigen 5-Gänger. Der Festtag klang im Café
Altenberg mit Musik, Gesang und Freibier (von der Brauerei Gassner
gestiftet) fröhlich aus. Die Berner Zeitungen berichteten ausführlich
über die Feierlichkeiten.
nach oben
|