Gründungszeit
Die Gründung des Altenberg-Rabbental-Leists
(er hiess ursprünglich nur “Altenberg-Leist”) im
Jahre 1872 war eine von Hunderten von Vereinsgründungen in
der Stadt Bern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts,
gleichzeitig eine der ersten Leistgründungen in einem Aussenquartier
(Länggass-Leist: 1865, Schosshalden-Ostring-Murifeld-Leist:
1870, Mattenhof-Leist: 1872, Marzili-Dalmazi-Leist: 1877). In den
Quartier- und Gassenleisten fanden sich Vertreter des bürgerlichen
Mittelstandes, besonders des Kleingewerbes, zusammen, um ihre lokalpolitischen
und quartierbaulichen Interessen besser wahren zu können. Sie
unterstützten aber auch sozial tätige Institutionen und
hatten damit eine Ersatzfunktion für die noch weitgehend fehlende
öffentliche Fürsorge.
Als unser Leist ins Leben gerufen wurde, befand
sich unser Quartier in einer ersten Bauboomphase. Bis Mitte des
Jahrhunderts hatten die Abhänge nördlich der Altstadt
ein ausgesprochen ländliches Gepräge. Zwar waren die einstigen
Rebberge in Weideland verwandelt worden; aber die schlechte Zugänglichkeit
des Gebiets schloss eine dichtere Besiedelung aus. Wohl lassen sich
auf alten Plänen und Ansichten einzelne herrschaftliche Villen
ausmachen, standen an der Altenbergstrasse einige ältere und
neuere Häuser, gab es beim Altenbergsteg ein Bad, ein Restaurant
und eine Brauerei sowie bei der Untertorbrücke ein kleines
Gewerbezentrum. Doch erst die Bevölkerungsentwicklung in der
zweiten Jahrhunderthälfte, verbunden mit der besseren Erschliessung
der nördlichen Aareseite (Nydeggbrücke 1844, „Rote
Brücke“ 1858) führte zu einer ersten, die Eröffnung
der Kornhausbrücke (1898) zu einer zweiten Expansionswelle
Richtung Altenberg und Rabbental. In jene Zeit fallen neben den
Wohnbauten auch der Botanische Garten sowie die Vorläufergebäude
der heutigen Spitäler- und Alterseinrichtungen (zum Teil waren
es Hotels und Pensionen) und des Kursaals.
Der Altenberg-Rabbental-Leist (ARL) unterschied
sich von Anfang an (und teilweise bis heute) von den meisten andern
Leisten. Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
hatten sich an der Altenbergstrasse zahlreiche Beamte und Rentner
niedergelassen. Zwar gaben auch im ARL in den ersten Jahrzehnten
Unternehmer und Gewerbler den Ton an, so zuvorderst der jeweilige
Patron der Brauerei Gassner. Die Berufsstatistik der Leistmitglieder
weist jedoch bis zum Beginn des 2. Weltkriegs auffallend viele höhere
und mittlere Beamte, Berufsoffiziere, Professoren und Lehrer, Aerzte
und Anwälte sowie zahlreiche Kaderleute und Angestellte von
Wirtschaft und Verwaltung auf. Nur die Minderheit von ihnen verdiente
das Geld im Leistgebiet; die meisten zogen in unser Quartier, weil
sie hier in unmittelbarer Stadtnähe unvergleichbar sonnige,
grüne und ruhige Wohnlagen für ihre Villen und Reihenhäuser,
später Terrassenhäuser fanden. Und so blieb es im Grunde
bis heute.
Ueber die Zeit von 1872 bis 1900 sind leider keinerlei
Leist-Dokumente erhalten geblieben. Anhand der Sitzungsprotokolle
ab 1901, der Berufe der seinerzeitigen Leistmitglieder sowie deren
gehobenem Bildungs- und Oekonomiestatus lassen sich die damaligen
Interessen und Aktivitäten des Leists jedoch unschwer vorstellen:
Die – spärlichen – Leistgeschäfte wurden von
einem Vorstand, bestehend aus drei honorablen älteren Herren,
an einer jährlichen Sitzung vorbehandelt und von einer spärlichen
Mitgliederzahl an der Hauptversammlung abgesegnet. Zu reden gaben
neben den statutarischen Traktanden (Rechnung, Budget, Mitgliederbeitrag)
wahrscheinlich Themen wie Verkehrserschliessung, Bauvorhaben, Abfallprobleme,
unerwünschter Lärm und andere Störungen. Regelmässig
wurden (bescheidene) jährliche Beiträge an die „Spysi“,
den gemeinnützigen Frauenverein, das Rote Kreuz und andere
Sozialwerke gesprochen. Meist funktionierte der Leist wie eine Feuerwehr:
Wenn es brannte, kam der „harte Kern“ eiligst zusammen,
beschloss Demarchen, machte Einsprachen, wurde bei den einschlägigen
Stadtbehörden vorstellig und schlug dabei gewaltig auf die
Pauke, bis wieder Ruhe einkehrte.
Die Leiste waren in ihren Anfängen reine
Interessenvereinigungen. Kontaktbedürfnisse und Geselligkeit
spielten eine untergeordnete Rolle. Die Mitglieder wollten mit ihrem
Mitgliederbeitrag lediglich sicherstellen, dass für Ruhe, Ordnung
und Sicherheit im Quartier gesorgt war. Unnötig zu sagen, dass
Frauen bis zum 2. Weltkrieg im Leist kaum eine Rolle spielten.
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